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Yves Mersch im Interview mit der Börsen-Zeitung

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Interview mit Yves Mersch, Mitglied des Direktoriums der EZB und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsgremiums der EZB, geführt von Kai Johannsen und veröffentlicht am 21. November 2020

21 November 2020

Herr Mersch, gehört es zum Auftrag der Europäischen Zentralbank, sich mit dem Kapitalmarktsegment Green and Sustainable Finance zu beschäftigen?

Die EU-Verträge verpflichten die EZB, dem Ziel der Preisstabilität Vorrang einzuräumen. Wenn das Engagement der EZB für den grünen und nachhaltigen Finanzsektor für die Wahrung der Preisstabilität im Euroraum notwendig wäre, würde dies in den Aufgabenbereich unseres vorrangigen Ziels fallen. Ich glaube nicht, dass das derzeit zutrifft.

Darüber hinaus hat die EZB sogenannte sekundäre Ziele. Unbeschadet unseres vorrangigen Ziels der Preisstabilität unterstützen wir die allgemeine Wirtschaftspolitik in der EU „im Hinblick darauf, zur Verwirklichung der Ziele der Union beizutragen“. Eines dieser Ziele ist es, auf „ein hohes Maß an Schutz und Verbesserung der Umweltqualität“ hinzuarbeiten. Dies rechtfertigt, warum sich die EZB auch mit Nachhaltigkeit befasst.

Dies bedeutet jedoch, anders als einige argumentieren mögen, nicht, dass es der EZB freisteht, die Initiative zu ergreifen und selbst zu entscheiden, wie „ein hohes Maß an Schutz und Verbesserung der Umweltqualität“ erreicht werden soll. Das bleibt aus gutem Grund das Privileg gewählter Politiker.

Was sind die Risiken für Green und Sustainable Finance in den kommenden Jahren?

Ich würde es als Risiko ansehen, wenn Green Finance zu einem reinen Marketinginstrument verkommt. Wenn Anleger die Welt grüner machen wollen, müssen sie wissen, wie ihre Investitionen zu mehr Nachhaltigkeit beitragen. Technisch gesehen sehe ich die Gefahr eines informationellen Marktversagens, wenn Informationen zur Nachhaltigkeit von Unternehmen und Finanzprodukten uneinheitlich, weitgehend nicht vergleichbar und zeitweise unzuverlässig oder gar nicht verfügbar sind. Definitionen dessen, was eine nachhaltige Geldanlage ausmacht, sind oft subjektiv und widersprüchlich. Die EU-Taxonomie ist eine vielversprechende Initiative, wenn auch unvollständig. Die praktische Nutzbarkeit bleibt eine Herausforderung. Auch weit verbreitete Industriestandards sind in Planung.

Was wird noch benötigt?

Eine bessere und standardisiertere nichtfinanzielle Berichterstattung wird ebenfalls von entscheidender Bedeutung sein. Dies ist unabdingbar, um die Risiken richtig einzupreisen. Eine solide Berichterstattung ist der Eckpfeiler eines angemessenen Risikomanagements.

Schließlich müssen Finanzinstitute, einschließlich Banken, sicherstellen, dass sie die Risiken, die sich aus den Auswirkungen des Klimawandels und einem raschen Übergang zu einer COXNUMX-neutralen Wirtschaft ergeben, frühzeitig erkennen und bewältigen können.

Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann Sustainable Finance gedeihen und spürbare Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben. Andernfalls bleibt die Gefahr des „Greenwashing“ und einer von Fundamentaldaten losgelösten, nicht nachhaltigen „Green Bubble“.

Die EU-Taxonomie für Green and Sustainable Finance ist ein komplexes Klassifizierungssystem, das Anlegern und Anbietern von Finanzprodukten Gewissheit darüber geben soll, was als grün und nachhaltig eingestuft werden kann. Ist das eine Meisterleistung der EU, die dieses Marktsegment voranbringt und womöglich auch als Vorbild für andere Länder und Regionen dient?

Die EU-Taxonomieverordnung ist wichtig. Ein fundiertes Klassifizierungssystem liefert Anlegern wertvolle Informationen für ihre Anlageentscheidung. Die Taxonomie wurde im Hinblick auf grüne Anleihen entwickelt. Die Anwendung auf andere Finanzprodukte ist möglicherweise nicht so einfach, und das Gesamtdesign muss möglicherweise angepasst werden.

Außerdem ist das System in der Tat sehr komplex.

Was bedeutet das für die Gefährdungsbeurteilung in der Praxis?

Ich sehe eine gewisse Lücke zwischen dem angestrebten Ziel und der praktischen Nutzbarkeit.

So nützlich die Taxonomie für grüne Investitionsentscheidungen auch sein mag, sie hilft nicht bei der Risikobewertung von wirtschaftlichen Aktivitäten, die Klimarisiken ausgesetzt sind. Schließlich und grundlegender ist die Taxonomie nur ein Teil des Puzzles: Granulare Daten auf Unternehmensebene sind erforderlich, damit sie nutzbar sind.

Wenn wir diese Mängel angehen, kann die EU ein Beispiel für die parallel laufenden Prozesse in anderen Ländern geben. Wir haben eines der fortschrittlichsten Frameworks für nachhaltige Finanzen. Die EU-Taxonomie kann ein wichtiges Element bei der Förderung des Regulierungsansatzes der EU im Ausland und bei der Stärkung der Rolle der EU als globale Drehscheibe für nachhaltige Finanzen sein.

Wann erwarten Sie, dass Finanzmärkte und Marktteilnehmer vollständig grün und nachhaltig sind?

Ich glaube nicht, dass der gesamte Finanzsektor eines Tages grün sein wird. Es gibt viele Branchen, die weder sauber noch schmutzig sind und sich auch am Markt finanzieren. Außerdem glaube ich nicht, dass wir den Klimawandel aufhalten können, indem wir ganze Wirtschaftszweige abwürgen. Vielmehr sollten wir die richtigen Anreize schaffen, beispielsweise durch fiskalpolitische Maßnahmen, einschließlich der COXNUMX-Bepreisung und anderer Regulierungsinstrumente.

Schließlich kann der Finanzsektor zwar helfen, aber er kann den Planeten nicht alleine retten.

Wir wandeln uns jetzt hin zu grünen und nachhaltigen Kapitalmärkten: Welche konkreten Übergangsrisiken sehen Sie in dieser Phase?

Der Übergang zu einem grüneren und nachhaltigeren Kapitalmarkt kann zu einer Neubewertung von Vermögenswerten führen. Geschieht diese Anpassung abrupt, dh verläuft die Kapitalumschichtung unerwartet oder ungeordnet, spricht man von Transitionsrisiken.

Im Vergleich zu den potenziellen volkswirtschaftlichen Schäden durch Klimarisiken sind die auftretenden vorübergehenden Verluste jedoch gering. Aber einzelne Banken könnten durchaus hart getroffen werden: Der Großteil der Engagements gegenüber den energieintensivsten Kreditnehmern wird von nur wenigen Banken gehalten. Mit anderen Worten, einige wenige Banken haben sehr hohe Engagements.

Offenlegen die Banken bereits ausreichend spezifische Risiken, die weder grün noch nachhaltig sind, also überwiegend braune Vermögenswerte, und beziehen Sie diese bereits in die Bankenaufsicht der EZB ein? Wie weit gehen die Banken in ihrer Offenlegung und gehen sie der EZB weit genug?

Hier sehe ich weiteren Handlungsbedarf. Die Offenlegung klimabezogener Risiken hat sich zwar verbessert, aber meistens sind die Informationen einfach nicht detailliert genug und nur selten durch quantitative Daten untermauert.

In Kürze veröffentlichen wir einen „Leitfaden zu Klima- und Umweltrisiken“. Der Leitfaden legt fest, wie Institute unserer Ansicht nach Klima- und Umweltrisiken in ihren Geschäftsstrategien, Governance- und Risikomanagement-Rahmenwerken berücksichtigen und offenlegen sollten. Wir haben uns die Offenlegung für das letzte Jahr anhand einer Stichprobe der von uns beaufsichtigten Institute angesehen – mehr als die Hälfte von ihnen erfüllte nicht einmal die im Leitfaden festgelegten Mindestanforderungen. In diesem Zusammenhang werden wir in Kürze einen Bericht über die Offenlegung von Umweltrisiken der von uns beaufsichtigten Banken veröffentlichen.

Gibt es daraus erste Lehren für die EZB?

Ja. Deshalb widmen wir unseren Stresstest 2022 dem Thema Klimawandel. Dieser Stresstest soll nicht nur analytisch und top-down sein, sondern in der Hoffnung auf eine bessere Datenlage, eine bessere Taxonomie und bessere Standards auch einen sinnvollen Bottom-up-Ansatz ermöglichen.

Befürchten Sie, dass es zu einem großen Greenwashing-Fall kommen könnte, der eine Kettenreaktion auslösen und zu einem starken Einbruch an den Finanzmärkten führen könnte? Sind die Märkte dagegen ausreichend gewappnet bzw. stabil genug?

Greenwashing ist zweifellos ein Thema, auch wenn eine Besserung in Sicht ist. Die Europäische Kommission wird in Kürze einen Legislativvorschlag für einen EU-Standard für grüne Anleihen vorlegen. Ein Green Bond sagt jedoch nicht unbedingt aus, wie grün ein Unternehmen insgesamt ist. Die Klassifizierung bezieht sich stattdessen auf einzelne Vermögenswerte, die diese Anleihen finanzieren sollen. Diese Vermögenswerte sind nur ein Teil der Unternehmensbilanz, die durchaus auch herkömmliche Vermögenswerte mit einem größeren COXNUMX-Fußabdruck umfassen könnte. Green Bonds alleine reichen also nicht für eine grünere Realwirtschaft.

Was wäre aus Ihrer Sicht hilfreich?

Eine begrüßenswerte Initiative der Kommission betrifft die Einführung eines EU-Umweltzeichens für Finanzprodukte und insbesondere für Investmentfonds. Dies soll Privatanlegern, die sich Sorgen um die Umweltauswirkungen ihrer Investitionen machen, ermöglichen, sich auf ein vertrauenswürdiges und verifiziertes Label zu verlassen und somit fundierte Anlageentscheidungen zu treffen. Gleichzeitig könnten Anreize für die Finanzmärkte geschaffen werden, mehr Produkte mit geringeren oder positiven Umweltauswirkungen zu entwickeln.

Problematisch bleibt, dass die Märkte die Fundamentaldaten grüner Finanzprodukte möglicherweise noch nicht richtig einschätzen können. Dies ist beispielsweise bei Green Bonds der Fall, bei denen es große Unterschiede gibt, inwieweit die Anleiheerlöse wirklich in grüne und nachhaltige Projekte investiert werden.

Wie wichtig sind Nachhaltigkeitsratings? Setzen Sie diese Ratings bereits in Ihrer Aufsicht ein? Sind die Ratings robust genug, um Risiken und Chancen angemessen einschätzen zu können?

Die aktuellen ESG-Ratings (Environmental, Social and Governance) von Banken spiegeln nicht deren Kreditvergabe an Unternehmen mit hohen COXNUMX-Emissionen wider. Ebenso sind sie auch kein geeignetes Maß für das Kreditrisiko. Diese Ratings befassen sich eher mit sozialer Verantwortung.

Die Zahlen zu den COXNUMX-Emissionen könnten einen besseren Anhaltspunkt für die physischen Risiken und Übergangsrisiken bieten, denen Unternehmen ausgesetzt sind.

Ein immer wieder auftauchendes Problem ist, dass jede Agentur unterschiedliche Metriken für ihre Nachhaltigkeitsratings verwendet: Gleiche Daten werden unterschiedlich bewertet oder gewichtet. Sollten Anbieter also mehrere Nachhaltigkeitsratings melden oder nur eines?

Dass die Ratings von Anbieter zu Anbieter so stark variieren, liegt vor allem an drei Faktoren: Erstens an den zugrunde liegenden Rohdaten und Berechnungsmethoden; zweitens die zur Berechnung der Ratings verwendeten Methoden; und drittens die qualitativen Elemente, die jeder Bewertung zugrunde liegen. Daher sollten Anbieter Kennzahlen und Ratings transparent darstellen, damit Investoren sie verstehen können.

Noch wichtiger ist, dass Datenlücken in den zugrunde liegenden Daten geschlossen werden. Das bringt uns zurück zur Offenlegung, für die der Taxonomie-Rahmen und verlässliche Labels für nachhaltige Finanzprodukte – einschließlich eines EU-Standards für grüne Anleihen – von entscheidender Bedeutung sind.

Setzt die EZB grüne und nachhaltige Anlagen in ihrem Fondsmanagement ein – etwa in Pensionsfonds? Wenn ja, welche Anlagekriterien gelten, welche Anlagen sind ausgeschlossen?

Die Pensionskassen werden autonom verwaltet. Das Management hat sich zur Einhaltung der Prinzipien für verantwortungsvolles Investieren der Vereinten Nationen und damit zur Einbeziehung von Nachhaltigkeitsstandards verpflichtet.

Darüber hinaus haben wir den Anteil grüner Anleihen in unserem Eigenfondsportfolio erhöht und werden dies auch in Zukunft tun. Wir folgen dem Sustainable and Responsible Investment Guide for Central Banks' Portfolio Management des Network for Greening the Financial System, dessen Mitglied wir sind.

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