Eines muss man anerkennen: Saudi-Arabien beeindruckt.
Wer heute in Riad ankommt, sieht ein völlig anderes Land als vor fünfzehn Jahren. Überall Baustellen. Riesige Bildschirme zeigen Visionen futuristischer Städte. Internationale Konferenzen folgen Schlag auf Schlag. Staats- und Regierungschefs kommen und gehen. Amerikanische CEOs, europäische Investoren, asiatische Beamte – sie alle sind in der Hauptstadt unterwegs.
Das Königreich will sich verändern. Und es verändert sich.
Seit dem Start der Vision 2030 hat Mohammed bin Salman einen in der Region seltenen Wandel eingeleitet. Dabei geht es nicht einfach nur um den Bau von Wolkenkratzern oder die Eröffnung von Kinos. Es geht um die Neudefinition des Wirtschaftsmodells eines Staates, der jahrzehntelang fast ausschließlich auf Öleinnahmen angewiesen war.
Die Zahlen sprechen für sich: Das Wachstum außerhalb des Ölsektors hat zugenommen, die Erwerbsbeteiligung von Frauen hat sich nahezu verdoppelt, die Arbeitslosigkeit ist gesunken. Der Public Investment Fund verwaltet mittlerweile Hunderte von Milliarden Dollar. NEOM, The Line, Mukaab – diese Namen sind zu Symbolen globalen Ehrgeizes geworden.
Und doch.
Trotz dieser Umwälzungen, trotz der Milliardeninvestitionen, trotz diplomatischer Besuche und Investitionsforen bleibt das internationale Vertrauen verhalten. Die Welt kooperiert mit Riad – aber sie gibt sich nicht vollständig hin.
Warum?
Weil die Welt zwei Saudi-Arabien gleichzeitig sieht.
Das erste ist Saudi-Arabien der futuristischen Modelle und globalen Gipfeltreffen.
Das zweite ist Saudi-Arabien mit seiner konzentrierten Macht, einem politischen System ohne sinnvolle institutionelle Gegengewichte und einer Justiz, die noch immer in einem streng religiösen Rahmen verwurzelt ist.
Hier liegt das Paradoxon: Die Wirtschaft öffnet sich in rasantem Tempo, während die politische Autorität vertikal bleibt.
Im Inland hat die Modernisierung ihren Preis. In Riad sind die Mieten in den letzten Jahren so drastisch gestiegen, dass die Regierung gezwungen war, weitere Erhöhungen einzufrieren. Die Mehrwertsteuer liegt bei 15 Prozent. Subventionen wurden gekürzt. Der saudische Gesellschaftsvertrag – lange Zeit auf Umverteilung und öffentlicher Stabilität basierend – wandelt sich hin zu einem wettbewerbsorientierteren und anspruchsvolleren Modell.
Dieser Übergang ist gewagt. Er mag gelingen. Aber er bringt auch langjährige Gleichgewichte ins Wanken.
Gleichzeitig verfolgt das Königreich eine hochentwickelte Image-Diplomatie. Der Besuch von Prinz William war kein Zufall. Er ist Teil einer umfassenderen Reihe sorgfältig geplanter Ereignisse: Treffen mit europäischen Staatsoberhäuptern, amerikanischen Führungskräften, internationalen Sportlern, Klimaforen und internationalen Wettbewerben.
Die Bilder sind eindrucksvoll. Junge Saudis im Umgang mit westlichen Königshäusern. Unternehmerinnen im Rampenlicht öffentlicher Veranstaltungen. Stadien voller jubelnder Menschenmassen. Ein Land, das sich als modern, offen und kontaktfreudig präsentiert.
Doch Bilder löschen Erinnerungen nicht.
Die Ermordung Jamal Khashoggis im Jahr 2018 hat sich tief in das globale Bewusstsein eingeprägt. Sie war nicht nur ein Verbrechen, sondern wurde zum Symbol – zur Mahnung, dass Widerspruch tödliche Folgen haben kann und dass Macht über nationale Grenzen hinaus wirkt. Dieses Ereignis überschattet weiterhin diplomatische Gespräche, selbst wenn es unausgesprochen bleibt.
Hinzu kommt die Frage der Menschenrechte. Internationale Organisationen berichten weiterhin von harten Strafen im Zusammenhang mit Aktivitäten in sozialen Medien, Einschränkungen der Meinungsfreiheit und einem in den letzten Jahren vermehrten Einsatz der Todesstrafe. Die Behörden sprechen von Sicherheit und Stabilität. Kritiker sprechen von Repression.
Hinzu kommt die religiöse Dimension. Jahrzehntelang finanzierte Saudi-Arabien die weltweite Verbreitung einer konservativen Auslegung des Islam. Heute spricht Mohammed bin Salman von der Förderung eines gemäßigteren nationalen Islam. Er geht gegen bestimmte islamistische politische Bewegungen vor und hat die sichtbare Autorität der Religionspolizei eingeschränkt.
Doch die Geschichte verschwindet nicht über Nacht. Über Jahrzehnte aufgebaute ideologische Netzwerke lösen sich nicht in wenigen Jahren auf. In Europa bleibt diese Erinnerung präsent.
In jüngster Zeit ist ein weiteres heikles Thema aufgetaucht: Antisemitismusvorwürfe, die in Teilen der israelischen Medien und von einigen Politikern erhoben wurden. Riad weist diese Vorwürfe zurück und betont, dass politische Kritik nicht mit religiösem Hass verwechselt werden dürfe. Doch gerade die Existenz dieser Debatte verdeutlicht, wie fragil das internationale Ansehen des Königreichs nach wie vor ist.
Die Herausforderung für Saudi-Arabien besteht nicht darin, dass es sich weigert, sich zu verändern.
Es liegt daran, dass sich die Wirtschaft schneller verändert als die Politik.
Es investiert massiv. Es pflegt Kontakte in Washington, Brüssel, Peking und Moskau. Es versucht, sich als wichtiger Akteur des 21. Jahrhunderts zu positionieren.
Internationales Vertrauen beruht jedoch nicht allein auf Finanzkraft oder architektonischer Modernität. Es beruht auf Kohärenz, auf Vorhersehbarkeit und auf dem wirksamen Schutz der Grundfreiheiten.
Die Welt lehnt Saudi-Arabien nicht ab. Sie schaut zu.
Und die zentrale Frage bleibt einfach, aber entscheidend: Ist die spektakuläre Modernisierung, die wir heute erleben, der Beginn eines tiefgreifenden institutionellen Wandels – oder lediglich eine strategische Anpassung an eine globalisierte Welt?
Saudi-Arabien kann Städte in der Wüste bauen.
Die eigentliche Frage ist, ob es dauerhaftes Vertrauen bei anderen aufbauen kann.
