Economy / Gesellschaft

Wen kümmert's (für meine Nichte und meinen Großvater)?

Serie – Versteckt vor der Wirtschaft

Meine älteste Nichte ist 11 Jahre alt. Sie geht von 08:00 bis etwa 14:00 Uhr zur Schule. Ihre Mutter ist alleinerziehend und arbeitet in einem regulären Job. Zum Glück...

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Wen kümmert's (für meine Nichte und meinen Großvater)?

Meine älteste Nichte ist elf Jahre alt. Sie geht von 8:00 bis etwa 14:00 Uhr zur Schule. Ihre Mutter ist alleinerziehend und arbeitet ganz normal. Zum Glück liegt die Schule meiner Nichte in der Nähe ihres Wohnorts. Mit ihren elf Jahren kann sie sich schon gut selbst versorgen – sie kann alleine nach Hause laufen, sich etwas zu essen zubereiten und so weiter. Vor ein paar Jahren war sie dafür noch zu jung. Zum Glück gab es an der Schule ein Betreuungsprogramm für Kinder, die bis zum Ende des Schultages betreut wurden, falls ihre Eltern sie nicht abholen konnten oder niemand anderes da war, der sich um sie kümmern konnte. Klingt logisch, oder?

Die öffentliche Bildung in ganz Europa ist im Allgemeinen kostenlos – sie wird vom Staat finanziert. Aus soziopolitischer Sicht ist das vollkommen logisch: Der Staat soll die Entwicklung seiner Bürger fördern, damit diese später die Entwicklung des Staates fördern können. Dies entspricht dem Gesellschaftsvertrag und der symbiotischen Beziehung, die zwischen Staat und Bürgern, also den Institutionen (dem Politischen) und den Menschen (der Gesellschaft), bestehen sollte. Nicht zu vergessen sind auch die Steuergelder, die ebenfalls zur Finanzierung zahlreicher öffentlicher Einrichtungen verwendet werden. Alles scheint in Ordnung. Doch es gibt da auch noch die wirtschaftliche Seite – und wie diese in das Konzept der Fürsorge einfließt, ist durchaus problematisch.

Es gibt verschiedene Auffassungen darüber, wie wir das Sozioökonomische wahrnehmen, doch im Kern beruht es auf der Idee, dass das Soziale die Voraussetzung für das Ökonomische ist. Die Reproduktion der Gesellschaft ist eine notwendige Voraussetzung für die Reproduktion der Wirtschaft; daher wäre es nur logisch, wenn die Wirtschaft der Gesellschaft untergeordnet wäre und nicht umgekehrt. Doch so einfach ist es in der Realität nicht.

Da es sich um einen fundamentalen Prozess handelt, ist die soziale Reproduktion in alltägliche Wirtschaftstätigkeiten eingebettet. Die meisten davon sind integraler Bestandteil der Wirtschaft. Auch der Schulbesuch meiner Nichte ist eine wirtschaftliche Aktivität. Die Schule selbst, ob staatlich oder privat, ist ein Unternehmen, das Arbeitsplätze schafft und Bildung vermittelt. Diese Bildungsvermittlung kann auch als Kompetenzförderung – eine Investition in die Zukunft des Humankapitals – betrachtet werden. Daher ist es wichtig, auch für Humankapital und dessen Reproduktion zu sorgen.

Es ist jedoch nicht nur meine Nichte, die Pflege benötigt. Mein Großvater (ein verwitweter Rentner) ist ein älterer Herr, dem das Gehen und die Erledigung alltäglicher Aufgaben schwerfallen. Er kann sich leider nicht mehr selbst versorgen oder einkaufen gehen. Er lebt allein. Daher muss sich mehrmals pro Woche jemand aus meiner Familie um ihn kümmern, ihm bei den alltäglichen Dingen helfen oder sie ihm sogar abnehmen. 

Das Zubereiten einer Mahlzeit, das Abwaschen nach dem Kochen und Essen, der Einkauf von Lebensmitteln oder das Fensterputzen können allesamt als Fürsorgetätigkeiten betrachtet werden. Fürsorgetätigkeiten sind all jene Aktivitäten, die sich um jemanden kümmern, ihm helfen, sich fortzupflanzen und zu erholen. Einfacher ausgedrückt: Sie helfen ihm, sein Leben weiterzuführen. Fürsorgetätigkeiten sind somit Aktivitäten der sozialen Reproduktion – sie tragen zur Reproduktion der Gesellschaft bei. Aktivitäten der sozialen Reproduktion sind jedoch ihrem Wesen nach ökonomisch. Sie tragen auch zur Reproduktion der Wirtschaft bei. Allerdings offenbar nicht alle.

Die Betreuung meiner Nichte ist sowohl aus sozioökonomischer als auch aus soziopolitischer Sicht sinnvoll. Die staatlichen Investitionen in ihre Ausbildung werden sich mit der Zeit auszahlen, da sie wirtschaftlich aktiv wird (man darf nicht vergessen, dass nichts isoliert existiert und Politik und Wirtschaft in ständiger Wechselwirkung stehen). Sie wird Geld verdienen. Je besser ihre Ausbildung, desto höher ihr Verdienstpotenzial. So wird es zumindest angenommen. Daher ist das System bestrebt, in sie zu investieren. Wirtschaftlich betrachtet wird sie schlichtweg als Humankapital angesehen – als etwas, in das investiert werden kann, um Profit zu erzielen. Ihre Betreuung ist also auch aus sozioökonomischer Sicht sinnvoll. Selbst rein wirtschaftlich betrachtet wäre eine private Betreuung wirtschaftlich gesehen eine lohnendere Investition.

Was meine ich damit? Nehmen wir ein Beispiel. Sowohl meine Nichte als auch mein Großvater benötigen Pflege. Pflege erfordert Pflegearbeit. Das kann Selbstpflege sein (wenn jemand für sich kocht und anschließend abwäscht) oder Pflege durch andere (wenn die Mutter meiner Nichte für sie kocht, da sie selbst noch zu jung ist, oder wenn meine Mutter für meinen Großvater einkauft). Für beide gibt es entsprechende Einrichtungen – die Schule für meine Nichte und ein Pflegeheim für meinen Großvater. Dennoch unterscheiden sie sich grundlegend – nicht nur ihrem Wesen nach, sondern auch in ihrer politisch-ökonomischen Bedeutung.

Meine Nichte geht zur Schule. Die Schule bietet eine Nachmittagsbetreuung an, falls ihre Mutter sie nicht rechtzeitig abholen kann. Die Schule kann staatlich oder privat sein. Unabhängig davon erfüllt sie zwei wichtige Aufgaben: Sie bildet meine Nichte aus, damit sie (1) in Zukunft eine bessere Bürgerin wird (aus politisch-institutioneller Sicht) und (2) sich besser in die Wirtschaft einbringen kann (aus wirtschaftlicher Sicht). Staatliche Schulen werden vom Staat finanziert. Bei privaten Schulen wird Bildung zu einem Wirtschaftsunternehmen. Zusätzlich zu (1) und (2) wird die Schule auch zu einer privaten Wirtschaftseinheit, die nicht nur zukünftige Wirtschaftsakteure hervorbringt, sondern auch das Wirtschaftswachstum stärker fördert als eine staatliche Einrichtung (private Unternehmen sind wettbewerbsfähiger und daher wirtschaftlich produktiver).

Mein Großvater lebt allein. Es gibt zwar Einrichtungen für die Altenpflege, aber darum geht es hier nicht. Im Gegensatz zu einer Schule bietet ein Pflegeheim keine Bildung an. Die Gemeinsamkeit liegt jedoch in der Pflege. Sowohl meine Nichte als auch mein Großvater benötigen Pflege. Für beide gibt es entsprechende Einrichtungen. Dennoch erscheint eine öffentliche Schule (aus politisch-ökonomischer Sicht) deutlich sinnvoller als ein öffentliches Pflegeheim. Deshalb gibt es in Europa immer weniger öffentliche Pflegeheime (auch aufgrund des Prozesses der Abschaffung öffentlicher Schulen). Deinstitutionalisierung (der Altenpflege). Ein privater Anbieter hingegen ist schlicht ein wirtschaftliches Unterfangen. Ein Unternehmen, das Gewinn erzielt. Es erzielt Gewinn, indem es den Pflegebedarf kommerzialisiert.

Dies geschieht nicht nur im Bereich der Altenpflege. Natürlich gibt es eine Reihe privater Kinderbetreuungseinrichtungen. Dennoch bleibt der Fall der Altenpflege aus gesellschaftlicher Sicht ein Sonderfall und in gewisser Weise problematisch. Sagen wir nicht entmenschlichendUnd während die Kinderbetreuung in der Regel im Mittelpunkt der Pflegediskussion steht, bleibt die Altenpflege am Rande der politisch-ökonomischen Debatte. Diesem Thema widme ich den folgenden Artikel.